La piste oubliée

Krebs - ein vergessener Lösungsansatz

Im April 2015 strahlte ARTE einen französischen Film "CANCER - La piste oubliée" aus, also der vergessene Weg o.ä., leider war der deutsche Titel "KREBS - wohin steuert die Forschung?" etwas irreführend. In diesem Film, der auch auf youtube hochgeladen wurde, geht es im Kern um die Gegenüberstellung von dem herrschenden Krebs-Paradigma, dies sei eine genetische Erkrankung, und der Vorstellung einer Stoffwechsel-Erkrankung.

Ist die genetische Interpretation des Krebsgeschehens wirklich hilfreich oder sollte nicht besser auf andere Ansätze zurückgegriffen werden?

Gleich am Anfang des Filmes wird dieser Widerspruch benannt:

"Wirklich bezwungen wurde er [der Krebs] nie. Dabei konnte die Wissenschaft sämtliche Abläufe bis ins Detail entschlüsseln." Wie kann es aber sein, dass man Krebs nicht bezwingen kann, wenn man angeblich "sämtliche Abläufe bis ins Detail entschlüsselt" hat?

Die Antworten geben dann eine Reihe renommierter Krebsforscher:

Laurent Schwartz:
"Es scheint, dass wir uns in Einzelheiten verzettelt und den Focus aus den Augen verloren haben.
Denn wie die Krankeit angetrieben wird, ist gar nicht das eigentliche Problem."

Ein anderer, Robert Proctor:
"Die Forschung konzentriert sich zu sehr auf Details statt aufs grosse Ganze. Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht."

Am deutlichsten wird das Dilemma, in dem die Krebsforschung steht, in den Äusserungen eines weltweit führenden Krebsgenom-Forschers, etwa ab der Minute 11 des Videos:

Thomas Hudson, Leiter Internationales Krebsgenomkonsortium, Toronto:

Dutzende Länder beteiligen sich am Wettlauf um die Sequenzierung des Krebsgenoms. Das Wissen um Krebs macht rasante Fortschritte, da wir nun das Erbgut wie auch die genetischen Zusammenhänge verstehen und einen Mutationskatalog erstellen können.“

Wir können die Tumorgene nicht nur ausfindig machen, wir wissen auch einiges über ihre Gesetzmässigkeiten. Medikamente zur Behandlung der wichtigsten Krebsarten herzustellen ist schon fast zurRoutine geworden.“

Durch personalisierte Therapieverfahren verzeichnen wir in der Onkologie grosse Fortschritte. Einige Medikamente wie Glivec zeigen hervorragende Langzeitergebnisse. Viele dieser neuentwickelten Pharmaka wirken aber leider nur temporär. Ihre Effizienz ist begrenzt. Bei manchen Patienten sind sie 3 Monate wirksam, bei anderen 1 Jahr. Sehr häufig bricht die Krankheit erneut aus und der Tumor entwickelt eine Resistenz.“

Und bei Minute 14:00 dann dies:

Die grösste Herausforderung ist die Auswertung der Daten. Ich war in den 90er Jahren am Humangenom-Projekt beteiligt, 10 Jahre lang. Aber was tun die meisten Gene und Proteine wirklich? Wie funktioniert das Genom? Das verstehen wir bis heute nicht. Rund um den Globus suchen Wissenschafler immer noch nach einer grundlegenden Interpretationsmethode für das Erbmaterial. Das zeigt, wie schwierig diese Aufgabe ist."

"Aber was tun die meisten Gene und Proteine wirklich? Wie funktioniert das Genom? Das verstehen wir bis heute nicht."

Die Soziologie-Professorin Joan Fuijimara von der Stanford-Uni in Kalifornien bringt einen Vergleich: „Zyniker würden sagen, mit einem Hammer wird jedes Problem zum Nagel. In diesem Fall sind die Krebsgene die Nägel. Wir haben die Werkzeuge der Molekulargenetik, also können wir auf die Krebsgene loshämmern. War dies in der Vergangenheit der beste Weg in der Krebsforschung? Angesichts der Werkzeuge, über die wir verfügten, lässt sich diese Frage wohl mit Ja beantworten. Aber hat das die Lösung für das Krebsproblem gebracht?“

Selbst Robert Weinberg, wohl der bekannteste Vertreter der Mutations-Theorie, stellt fest: "Solange wir nicht wissen, was eine Krebszelle veranlasst, anormal zu wachsen, kommen wir bei der Entwicklung neuer Krebstherapien nicht weiter."

Man kann bei der Betrachtung dieses Films bis an diese Stelle nur den Eindruck haben, irgendwie geht es so nicht, die Genetik ist nicht alles. Und in der Tat schwenkt der Film um:

"Anfang der 90er Jahre machen Patienten mobil gegen den Genetik-Hype. Interessenverbände kritisieren, es fehle an therapeutischem Nutzen. In San Francisco gründen an Brustkrebs erkrankte Frauen die „Breast Cancer Action“. Ihr Ziel ist, die Krebsforschung aus ihrer Einbahnstrasse zu locken. Ihr Kampf richtet sich insbesondere gegen das Dogma, Brustkrebs sei rein genetisch bedingt. Vererbte Genmutationen können das Brustkrebs-Risiko zwar erhöhen, doch nur in 5 bis 10% der Fälle."

Eine Patientin: „Als ich die Diagnose erhielt, war ich fassungslos. Der Arzt sah nur, was er vor sich hatte. Eine 36 Jahre alte Frau, die Brustkrebs in diesem Stadium hatte. Und klar, die braucht diese Therapie. Ich war nur eine Nummer.“ Eine andere: „Mein Arzt hielt sich für superschlau. Sie sind familiär nicht vorbelastet. Brustkrebs ist bei Ihnen ausgeschlossen. Ich nickte nur – dabei hatte ich sehr wohl Brustkrebs und längst alle Untersuchungen durchlaufen. Aber die Dinge, die ich dann herausfand, waren revolutionär.“ Eine dritte: „Ein vererbtes Gen führt nicht automatisch zu Brustkrebs. Auch die Einflüsse der Umgebung spielen eine Rolle, warum manche Frauen Brustkrebs entwickeln und andere nicht.“

Weiterhin, eine andere Frau: „Aber grundsätzlich meine ich: Die massiven Investitionen in die Molekulargenetik und die Ansicht, dass sie alles erklären kann, hat uns in die Irre geführt.“

"Kann es ein, dass die Wissenschaft in einer Sackgasse gelandet ist?"

"Dass wir seit 30 Jahren auf dem Holzweg sind?"

Mina Bissel, Biologin, Lawrence Berkeley National Laboratory, Universität Kalifornien: „Wir haben uns viel zu sehr mit Einzelheiten beschäftigt. Es ist, als sähen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht. Dabei wurde der Blick aufs grosse Ganze versperrt."

"Wenn Sie einem Menschen oder einem Tier Zellen entnehmen und in einer Nährlösung kultivieren, dann zeigt sich: die Gene sind nicht unveränderlich, sie werden vom Kontext bestimmt. Genauer gesagt von der Mikro-Umgebung. Mir war sofort klar, der Kontext bzw. die Mikro-Umgebung, in diesem Falle die Struktur des Gewebes, spielen eine ganz wichtige Rolle. Wenn das Gerüst zerstört wird, dann erzeugt das Schäden in den Genen selbst und ein Tumor kann entstehen."

Siehe an dieser Stelle beispielhaft die Publikation von Mina Bissel aus 2001, "Putting Tumours in Context", erschienen in Nature Reviews Cancer.

"Die einen sagten, Mina ist eine Pionierin, eine Visionärin; die anderen hielten mich für verrückt. Nein, ich war einfach nur neugierig. Meine Artikel erschienen in bedeutenden Fachmagazinen. Aber die Reaktionen schwankten zwischen Ungläubigkeit und schlichtem Desinteresse. Meine Arbeiten wurden nirgendwo zitiert. Erst in den vergangenen 10 Jahren sind einige namhafte Persönlichkeiten auf meine Forschungen aufmerksam geworden. Sie zitieren sie und sagen, das sei doch offenkundig."

"Erfordert das Verständnis von Krebs eine ganz andere Sichtweise?"

Pierre Sonigo, Forschungsdirektor, Biorad, Marnes-la-Coquette: "Wir dürfen den Körper nicht als etwas sehen, das zentral von der DNA gesteuert wird. Vielmehr als ein Gebilde, das sich in einer natürlichen Balance befindet, ganz so wie ein Wald oder ein Ozean." "Wenn Kaninchen im Wald sich so stark vermehren, dass sie den ganzen Wald vernichten, sagen wir doch auch nicht -ach so, die Kaninchen sind mutiert-, sondern wir fragen uns, ob das Nahrungsangebot in diesem Jahr nicht zu gross war."

Sprecher: "Für eine solche Gesamt-Vision plädiert auch der französische Krebsforscher Laurent Schwartz. Der Schlüssel zum Verständnis der Krebszelle wäre demnach ihre Versorgung und die Art, wie sie mit den Ressourcen umgeht. Anders ausgedrückt, ihr Stoffwechsel."

Laurent Schwartz, Onkologe, Ecole Polytechnique Palaiseau: "Die Zelle ist ein lebendes Organ. Wenn Sie eine einzige menschliche Zelle entnehmen und in einem Milieu, angereichert mit etwas Wasser und Blut kultivieren, dann wächst die Zelle. Sie entzieht der Lösung Nahrung, verdaut und lebt weiter. Hierfür benutzt sie Gene, Enzyme und so weiter. Mit einer Krebszelle ist es nicht anders. Sie holt sich Nahrung und entwickelt sich mithilfe von Enzymen. Fakt ist, damit eine Zelle sich teilen kann, muss sie zunehmen. Das mag wie eine Binsenweisheit klingen. Aber wenn Sie nicht essen, dann nehmen Sie auch nicht zu. Oder wenn Sie beim morgendlichen Jogging alles gleich verbrennen, dann werden Sie auch nicht dicker. Zunehmen heisst, der Organismus nimmt Nahrung auf und verbrennt sie nicht. Womit wir bei einer These aus den 20er Jahren wären."

"Womit wir bei einer These aus den 20er Jahren wären."

Laurent Schwartz: "Krebs holt sich Glucose, also Zucker, in grossen Mengen und verbrennt diesen nicht ausreichend. Die Folge, er wächst. Wenn er wächst, dann teilt sich die Zelle. Und wenn sie sich teilt, dann lässt sie sich ertasten. Ein Krebsgeschwür fühlt sich bekanntlich hart an. Ärzte wissen das nur zu gut. Metastasen verschwinden, wenn ihnen die Nahrung entzogen wird."