Immun-Status

Immun-Status

08.10.2016, Rudolf Stratmann

Wie gut ist mein Immunsystem gegenwärtig aufgestellt, insbesondere in Bezug auf Krebsbekämpfung? Diese Frage wird vor allem angesichts wachsender Möglichkeiten, therapeutisch das Immunsystem zu nutzen, immer wichtiger.

Unter den 'Biologischen Grundprozessen' ist zunächst ein Einführungs-Artikel zu empfehlen, sodann kann man verschiedene gut gemachte Internet-Seiten einzelner Labore unter dem Suchbegriff 'Immunstatus' anschauen, so z.B. diese hier vom Labor IMD Berlin-Potsdam - von dort ist auch ein 4-seitiges Papier 'Diagnostik-Info 240' zum zellulären Immunstatus herunterladbar.

Es soll in diesem Artikel nur um Immun-Zellen gehen, auf die riesengrosse Familie der Immun-Botenstoffe (-Hormone), die ja immer der zellulären Reaktion vorausgehen, wird im folgenden Artikel 'Hormon-Status' eingegangen.

Für die Krebsbekämpfung ist sehr zentral, dass in der grossen Familie der T-Zellen alles stimmt und deshalb hier gezielt therapeutische Bemühungen zur 'Programmierung' von Krebszell-abtötenden T-Zellen versucht werden kann. Welche Vielfalt aber allein an zellulären Bestandteilen des Immunsystems existiert, sei hier noch einmal mit dem nature-Poster verlinkt. Man sieht dort 10 verschiedene Untergruppen von T-Zellen. Wenn beispielsweise die TReg-Zellen, also die regulatorischen T-Zellen, hochgeschaltet sind, ist das Immsystem auf Suppression eingestellt: Die Immunantwort wird weitgehend unterdrückt, die 'Toleranz' wird ausgedehnt. Ein immuntherapeutischer Ansatz, der T-Zellen als Mittel zur Krebsbekämpfung einsetzen möchte, sollte zunächst diese regulatorische Suppression beseitigen.

Habe ich Immundefekte?

Wenn man nicht weiss, ob man Immundefekte hat, kann man auch nur ziemlich blind in Immuntherapien hineinstolpern. Dabei gibt es seit langem die Möglichkeit, auf Kasse diese aufzuspüren. Als Beispiel hier der Befund der Immundefekt-Ambulanz der Charité zu meinem eigenen Immunsystem aus dem Jahre 2012.

In diesem Befund wird nun u.a. eine massive CD4+-Lymphopenie ausgewiesen, mit einem damals gemessenen Wert von 140 pro mikroliter (wäre ich HIV-positiv, würde ich AIDS-Medikamente bekommen). Dieser Defekt verweist auf die T-Zell-Untergruppe der T-Helferzellen, s. nochmal das nature-Poster, das dicke hellbraune Ei in der Mitte. Darunter gibt es gleich 6 Beschreibungs-Kästen: TH1 cell, TH2 cell, TH9 cell, TH17 cell, TH22 cell,TFH cell. All diesen Untergruppen der T-Helfer-Zellen gemeinsam ist, dass sie auf ihrer Oberfläche den CD4-Rezeptor exprimieren.

Die Unterscheidung zwischen TH1- und TH2-Helfer-Zellen deutet zunächst auf die unterschiedliche Aktivierung der beiden Arme des Immunsystems hin, erstere Gruppe aktiviert eher das angeborene Immunsystem, letztere eher das erworbene. Da ich viel zu wenig von den CD4-positiven Helfer-Zellen habe, kann ich über diesen Zweig des Immunsytems wenig Hilfe erwarten. Nicht in die eine Richtung, intrazellulärer Erreger abzutöten, noch in die andere Richtung, B-Zellen zur Produktion von Antikörpern vor allem für die Bekämpfung extrazellulärer Erreger bzw. 'Fremd-'Zellen anzuregen, denn hier kommt ein weiterer Immundefekt hinzu: B-Zellen hab ich auch zu wenig, ich habe eine 'B-Lypmphopenie'. Schlechte Aussichten auf eine Immuntherapie, die hier ansetzt.

Eine schöne Beschreibung dieser TH1- und TH2-Helfer-Zell-Aktivität findet sich hier bei Frau Dr. Andrea Kamphuis in ihrem Autoimmun-Buch-Projekt.

Vom kleinen zum großen Blutbild und darüber hinaus

Nun wird nicht jeder gleich nach seinen Immundefekten suchen wollen. Die übliche Hausarzt-Untersuchung als erster Schritt, da machen wir mal ein kleines Blutbild, umfasst allerdings nicht viel:

Die Normal-Werte sind links für Frauen und rechts für Männer eingetragen. Rote (Erythrozyten) und weisse (Leukozyten) Blutkörperchen, Blutplättchen (Thrombozyten). Wenn diese drei grossen Zell-Gruppen der Blutbildung schon mal alle im normalen Wertebereich sind, kann man den ersten Haken machen.

Besteht aber bei einem dieser Werte oder auch den anderen Grund für ein Stirnrunzeln, muss mehr gemessen werden, grosses Blutbild genannt, hier ein Mess-Beispiel von mir, es gelten also die männlichen Referenz-Bereiche:

Man sieht gleich 5 Werte fett markiert, hier stimmt was nicht. Ich habe zu wenig rote Blutkörperchen (Erythrozyten), dementsprechend ist mein HB-Wert zu niedrig: Hämoglobin ist der rote Blutfarbstoff, der innerhalb der Erythrozyten den molekularen Sauerstoff speichert. Also wenig HB gleich wenig verfügbarer Sauerstoff und umgekehrt, wir kennen das vom Doping im (Rad-)Sport.

Der Lymphozyten-Wert ist krass zu niedrig und auch bei den Eosinophilen mangelte es zu diesem Mess-Zeitpunkt. Hier nochmal zur besseren Übersicht, wo die Lymphozyten und wo die Eosinophilen angesiedelt sind:

Lymphozyten-Differenzierung

Will man nun genauer wissen, warum und bei welchen Untergruppen der Lymphozyten-Wert zu niedrig ist, bietet sich die nächste Untersuchung an, eine Lymphozyten-Differenzierung - wir hier vom Labor Gaertner beschrieben. Auch dazu wieder ein Mess-Beispiel aus meiner eigenen 'Sammlung', das nicht von der Charité stammt, sondern von einem Allgemeinmediziner veranlasst wurde:

Nun sieht man, dass die beiden Haupt-Gruppen der Lymphozyten, T- und B-Zellen, in zu geringer Anzahl vorhanden sind. Bei den T-Zellen -wie schon oben aufgeführt- sind die CD4-Helfer-Zellen viel zu gering, aber die ebenfalls zu geringe CD8-Suppr.-Zell-Anzahl lässt vermuten, dass mein Immunsystem wenigstens nicht auf Unterdrückung gepolt ist. Und in der Tat leide ich nicht unter absoluter Immun-Untätigkeit, sondern muss mich immer wieder durch heftige Infekte oder (letztes Jahr durch die Chemo verursacht) massive Haut-Reaktionen hindurchkämpfen.

Die B-Zellen sind vermindert, also darf ich nicht viel Immunglobuline erwarten => die von den B-Zellen produzierten Antikörper. Die NK-Zellen (Natural Killer Zellen) sind ebenfalls vermindert. Alles drei bedürfte therapeutischer Eingriffe, soweit möglich, insbesondere bei Krebs.

Immunglobuline messen

Inwieweit die Antikörperproduktion richtig funktioniert, kann man auch direkt messen, ohne die Antikörper produzierenden Zellen gezählt zu haben: Hier eine informative Seite zu den Immunglobulinen. Wenn aufgrund einer Messung der Immunglobuline ("Immunglobuline sind die Antikörper des Menschen") ein Antikörpermangel diagnostiziert werden kann, besteht die Möglichkeit einer Substitution per Infusion oder per Pille: Die Liste der in Deutschland zugelassenen Immunglobulinpräparate findet sich beim Paul-Ehrlich-Institut.

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass die intravenöse Gabe von Immunglobulinen mir ca. ein halbes Jahr auf dem Feld der ständigen Infekte eine wohltuende Ruhe verschafft. Es ist im Laufe der Jahrzehnte äusserst niederschmetternd, immer wieder scheinbar dieselben Infekte durchlaufen zu müssen, alldieweil der Aufbau der körpereigenen Immunität (u.a. durch Antikörperbildung) nicht richtig funktioniert.

Blutbild nach Chemo

Therapeutische Eingriffe bei Krebs können Nebenwirkungen bei der Blutbildung bewirken. Langanhaltende Hormonblockade produziert Anämie (zu wenig HB=Hämoglobin), Strahlen- oder Chemotherapie geht ebenfalls auf Kosten der (roten) Blutbildung. Was aber ist mit den weissen Blutkörperchen, werden die Zellen des Immunsytems nicht auch beeinträchtigt durch diese Standard-Therapien?

Hier ein weiteres Mess-Beispiel von mir, jeweils unmittelbar im Zusammenhang mit Docetaxel-Infusionen im Rahmen meiner Chemo-Therapie vergangenes Jahr angefertigt, worauf achtet der Onkologe?

Neben der Entwicklung der roten Blutkörperchen und des HGB-Wertes (andere Abkürzung für Hämoglobin) (ich habe das an anderer Stelle illustriert), schaut sich der Onkologe den Lymphozyten-Gesamtwert an und -speziell- die Entwicklung der Neutrophilen. Wie man sieht, bin ich bei diesen 4 Mess-Streifen nur einmal dem Minimum-Wert 1,5 nahe gekommen, mit einem Messwert von 1,9.

​In den Fachinformationen zum Docetaxel kann man auf der Seite 2 eben dieses nachlesen: "Docetaxel sollte erst angewendet werden, wenn die Neutrophilenzahl mindestens ≥1500 Zellen/mm3 beträgt." Das ist die Untergrenze.