Das Missverständnis mit den "freien Radikalen"

R.S., 29.11.2015 (ein Kommentar, weniger ein Grundlagen-Artikel)

Erstaunlich, wie lange sich längst überwunden geglaubte Geschichten halten. Die Geschichte von den gefährlichen freien Radikalen, die man unbedingt vermeiden muss, ist so eine. Harman 1956 - seine damals aufgestellte Theorie  'AGING: A THEORY BASED ON FREE RADICAL AND RADIATION CHEMISTRY', es sollte sich herumgesprochen haben, dass sie falsch ist.

Es hat sich ja gerade in der Krebs-Therapie ein Umschwung ereignet weg von den eher anti-oxidativ wirkenden Ansätzen hin zu den eher pro-oxidativen Ansätzen. Nicht nur das 'freie Radikal' H2O2 / Wasserstoffperoxid, auch andere oxidative wie nitrosative Radikale werden zunehmend als unverzichtbare Botenstoffe beforscht und anerkannt. Hier sei nur an die erhellenden Arbeiten des Teams um Prof. Ristow erinnert, z.B. mit der 2008 erschienene Veröffentlichung 'Antioxidants prevent health-promoting effects of physical exercise in humans', in der gezeigt wurde, dass der Trainings-Effekt von Beweung und/oder Muskelaufbau sofort zunichte gemacht wird, wenn gleichzeitig Antioxidanzien genommen werden, weil freie oxidative Radikale als "zündende" Botenstoffe für den physiologischen Aufbauprozess im Muskel benötigt werden.

Dieser Tage wurde im BPS-Forum erneut unter der Überschrift 'Antioxidantien fördern Tumorwachstum' diskutiert, unter Bezug auf einen Artikel des Medizin-Journalisten Werner Bartens, der schon im Oktober erschienen war

Es wird allerdings diskutiert, als ob das ein neues Problem wäre. Auch ist mitnichten ein aktuell veröffentlichtes Tier-Experiment als Ausgangspunkt der Debatte zu nehmen. Selbst in dieser Diskussions-Umgebung von betroffenen Biologie-Laien wie in solch einem Forum hätte ein Blick in vergangene Diskussionen gut getan: Schon 2006 habe ich mich an hier an die 'Antioxidanz-Befürworter' gewandt und geschrieben:  "Krebszellen haben generell einen Stoffwechsel, der in der Wechselspiel zwischen Oxidation und Reduktion mehr auf der oxidierten Seite funktioniert. Das ist gefährlich und kann immer wieder den durch zu viel Oxidation verursachten Zelluntergang bewirken. Also sind gewisse Reduzierungs- bzw. Antioxidantien-Stoffe Krebszellen durchaus im gewissen Rahmen willkommen." Oder 2012 in der 'Replik auf Udo' dieses: "Der Blick auf den Einsatz von Anti-Oxidantien, gerade auch bei Krebs, hat sich nun wirklich sehr gewandelt.
Angefangen von den schönen Studien von Michael Ristow, in denen er zeigt, wie freie Sauerstoff-Radikale beim Muskel-Training essentiell sind und wie man mit ganz geringen AntiOx-Gaben den Trainings-Effekt neutralisieren kann, haben wir am Parade-Beispiel Vitamin C seit 2005 nun wirklich eine Studien-Lage (Chen et al., 2005), nach der man bei Krebs genau unterscheiden muss, ob man einen Anti- oder doch nicht lieber einen Pro-Ox-Angriff startet."

Es wäre im übrigen schon viel gewonnen, wenn immer sauber zwischen anti-inflammatorischen und anti-oxidativen Sachen unterschieden würde. Wie man auf die Idee kommen kann, anlässlich eines Artikels über die möglicherweise negative Wirkung des NAC (N-Acetyl-Cystein) seine tägliche Fischöl-Kapsel-Ladung abzusetzen, kann ich nicht nachvollziehen.

Nicht erst gestern ist uns von den Umweltkranken, die meist mit chronischen Inflammationen zu kämpfen haben, und ihren Ärzten berichtet worden, dass anti-oxidative Therapien eher bei Umweltkranken und pro-oxidative Therapien eher bei Krebskranken angesagt sind, s. hierzu das Ionescu-Papier, das ich schon im April hier hochgeladen und vorgestellt hatte.

Wenn Frau Dr. Hübner auf Anfrage der BPS-Geschäftsstelle, die von 'einer grossen Aufregung in unseren Reihen' berichtet, antwortet: "Aus meiner Sicht haben die Autoren recht, dass sie erneut darauf hinweisen, dass der Einsatz von Antioxidantien zur Prävention oder im Rahmen einer Krebserkrankung problematisch ist. Auch die Vermutung, dass dies teilweise auf einer Reduktion der möglicherweise im menschlichen Körper sogar sehr positiven Oxidationsvorgänge besteht stimmt mit anderen Daten überein."

- dann sind hiermit allenfalls 2 Hinweise gegeben, denen allerdings auch schon in der Vergangenheit im Rahmen dieses Forums mehrfach nachgegangen wurde: a) der Einsatz von Antioxidantien ist problematisch; b) zuviel Reduktion ist kontraproduktiv - Ja und Ja. Aber wir sind -mit Verlaub- doch wirklich schon weiter, oder?  Wie wäre es, wenn der BPS mal diverse medizinische Autoritäten fragen würde, ob nicht eine H2O2-Therapie bzw. eine pro-oxidative Therapie mit organischen Peroxiden beim Prostatakrebs sinnvoll wäre und ob sie das unterstützen würden - denn mittlerweile sei ja bekannt, dass bei Krebs eher pro-oxidative Therapien sinnvoll sind?

Oder ?